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Groundation 
Wer die kalifornische Band noch nicht kennt, sollte sich unbedingt mehr als die paar Minuten Zeit nehmen, dieses folgende Interview zu lesen. Groundation spielen Roots Reggae, wie er in der Blütezeit in den 70ern fabriziert wurde, und verbinden diese erdigen Klänge mit Jazz und weiteren musikalischen Schmankerls so überwältigend, dass einem einfach die Spucke weg bleibt. Was schon auf den Tonträgern unglaublich tight rüber kam, wussten sie bei ihrem Gig im Berliner Kesselhaus noch um ungefähr 172 Prozent zu steigern. Ein derart spannungsvolles und virtuoses Livekonzert erlebt man selten. Toll, wenn man nach so einem Ohrenschmaus auch noch Harrison (Gesang & Gitarre) und Marcus (Tasten) gegenübersitzen darf, um ein paar Fragen zu stellen.


MK ZWO: Wie hat es bei euch mit dem Reggae angefangen?
Harrison:
Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber Reggae war die erste Musik, die ich je gehört habe. Ich war so fünf oder sechs Jahre alt, als der Funke übergesprungen ist. Roots Reggae war meine erste Musik.
Marcus: Ich war so zehn oder elf Jahre alt, ich habe damals schon mein Instrument in der Schule gelernt und von da an ging es immer weiter.
Harrison: Wir haben damals auch viel Jazz gespielt und das dann mit Reggae kombiniert. Irgendwann haben wir beide dann realisiert, wie offen die Musik ist und welchen Raum sie uns bietet. Reggae Musik ist Bewusstsein.

MK ZWO: Inwieweit seid ihr mit Rastafari verbunden?
Harrison:
Ich habe gerade darüber mit unserem Perkussionisten gesprochen. Ich denke, jeder von unserer Band trägt einen Teil von Rastafari in sich, ohne das jeder von sich sagen würde, dass er Rasta ist. Es ist eine Einstellung des Herzens. Es gibt ja auch unzählige verschiede Möglichkeiten Christ zu sein. Aber in erster Linie sind wir Musiker.
Marcus: Ich betrachte die Musik selbst schon als etwas Spirituelles, ohne dem gleich einen Namen geben zu müssen.
Harrison: Es hängt auch davon ab, wie man es lebt. Manche leben ein vorbildliches Rastaleben und sind selbst vielleicht gar keine.

MK ZWO: Was denkt ihr über die Twelve Tribes Of Israel?
Harrison:
Tja, das ist eine lange Geschichte, aber ursprünglich war das eine große Bewegung, die alle Menschen in sich vereint hat, egal ob schwarz oder weiß, egal welcher Klasse, egal welcher Herkunft. Aber die Sache mit Prophet Gad sehe ich heute schon etwas anders. Vor 25 - 30 Jahren war einfach eine andere Zeit.

MK ZWO: Wie seht ihr die enge Verflechtung von Politik und Religion bei George Bush?
Harrison:
Ich glaube, bis jetzt hatten wir nur einen Präsidenten ohne religiösen Glauben und das war Abraham Lincoln und seitdem hatten wir immer Präsidenten, die sehr religiös waren. Es ist schon komisch, denn alle behaupten, sie wären im Recht und alle, die das anders sehen, sind im Unrecht.

MK ZWO: War die erneute Wiederwahl von Bush für den "Widerstand" deprimierend?
Harrison:
Naja, du musst wissen, dass Kalifornien nicht für Bush gestimmt hat. Er hätte dort nie gewinnen können. Die meisten, die Bush gewählt haben, kommen schon aus dem Zentrum der USA. Ich persönlich glaube, das es egal ist, ob Kerry oder Bush gewonnen hat, weil beide von ein und der selben Lobby unterstützt werden.

MK ZWO: Ich habe gehört, dass du Reggae-Geschichte an der Universität unterrichtest. Wenn ich bei dir studieren würde, was würde ich dann lernen?
Harrison:
Du würdest etwas über Hoffnung lernen, was schon mal ein gutes Fundament ist. Natürlich hängt es auch von den Studenten ab, was sie lernen wollen. Grundsätzlich würden wir bei Jamaika anfangen, den Arawak Indianern, Afrika und den Sklaven, speziell bei den Ashanti's und den Ibu-Stämmen aus Westafrika. Die Maroon-Kultur, die sich aus entlaufenen Sklaven entwickelte und die in den Bergen getrommelt haben; Kumina, die erste afrikanisch-stämmige Religion in Jamaika, Sister Nanny und ihre Geschichten über die Sklavenlager. Natürlich würden wir auch zur Musik kommen: Am Anfang der R'n'B, dann die Entwicklung vom Ska und vom Rocksteady bis hin zum Reggae, bei dem in den 70ern die Rastafari-Botschaft immer mehr an Gewicht gewonnen hat. Du würdest auch etwas über Haile Selassie und Marcus Garvey lernen. Es ist schon sehr wichtig, wie sehr dieses kleine Land die Welt mit verändert hat. Es geht um Geschichte, die die meisten Menschen nicht kennen. Immerhin kommen aus Jamaika mit Garvey und Rastafari eine der ersten Stimmen, die sich für Afrika stark gemacht haben und ihre Ursprünge dort sehen und gesagt haben, dass ihr Gott schwarz ist.

MK ZWO: Kommen wir jetzt zu eurem Label Young Tree. Wie sieht da euer Konzept aus? Immerhin habt ihr neben eigenen Alben ja mit Pablo Moses und den Congos zwei richtige Klassiker veröffentlicht.
Harrison:
Ursprünglich hat Young Tree mit Groundation angefangen, aber wir kämpfen für die Vision. Marcus und ich haben damals den Hauptteil der Musik im Studio aufgenommen und waren ca. 20 Stunden am Tag dort! Es war eine sehr kostspielige Angelegenheit, denn wir wollten alles mit echten Instrumenten einspielen. Wir mussten echt viel tun, um die Kohle zusammen zu bekommen. Alles andere kam dadurch, dass wir ein Plattenlabel und einen Vertrieb hatten und ich solche Leute wie Israel Vibration, die Congos oder Winston Jarrett von klein auf kannte. Das sind großartige Musiker, die kein Geld haben, eben mal ein Album zu veröffentlichen. Also haben wir gesagt, lasst uns das machen, obwohl es sich nicht so gut verkauft hat. Es ist schwierig, diese wundervolle Musik an die Leute zu bringen. Irgendwo haben wir uns natürlich auch geehrt gefühlt, diese Alben veröffentlichen zu dürfen, aber in Zukunft werden wir unseren Fokus erst einmal wieder auf Groundation richten.

MK ZWO: In welchen Ländern habt ihr denn eure Alben veröffentlicht?
Harrison:
In den Staaten, Brasilien, Kanada, Australien, Japan und natürlich in Europa, also fast auf der ganzen Welt.

MK ZWO: Produziert ihr eure Musik eigentlich noch analog mit einer Bandmaschine?
Harrison:
Ja, auf jeden Fall, denn dieser Sound ist wirklich einmalig. Das erste Album haben wir noch ohne gemacht, aber etwas hat gefehlt, also haben wir uns für das zweite Album mit Jim Fox in seinem Studio in Washington DC getroffen. Er hat kulturelle Sachen mit Israel Vibration, Burning Spear oder zum Beispiel Black Uhuru aufgenommen und hat eine 24-Spur- Bandmaschine mit einem großartigen Sound.

MK ZWO: Könntest du fünf Reggae-Alben benennen, die du zu den Meilensteinen zählst?
Harrison:
Das ist schon schwierig, aber ich würde auf jeden Fall Bob Marleys "Survival" und "Uprising" dazu zählen. "Congo Ashanti" von den Congos, die Abyssinians mit "Satta Massagana", "Culture 2 Sevens Clash" und natürlich Burning Spear mit "Hail Him" und "Social Living". Es gibt einfach so viele.

MK ZWO: Und wie sieht es mit Jazzalben aus?
Marcus:
Puh ... Herbie Hancock, Miles Davis, John Coltrane, es gibt so viele große Jazzmusiker, die Frage kann ich echt nicht beantworten. Am Klavier finde ich zum Beispiel auch Keith Jarret und Chick Corea richtig geil.

MK ZWO: Was können wir in Zukunft von Groundation erwarten?
Marcus:
Wir werden voraussichtlich im Februar nächsten Jahres ein Doppelalbum veröffentlichen, an dem wir gerade noch so zwischen dem Touren arbeiten. Im April werden wir dann wieder ins Studio gehen, um an einem neuen Album zu arbeiten

MK ZWO: Und wie wird das neue Album heißen?
Marcus:
(lacht) Die Musik wird es uns verraten.
Harrison: (lacht) Die Musik wird uns den Weg zeigen. Wir waren lange unterwegs, haben eine Menge Ideen und wir werden das einfach Stück für Stück wie ein Puzzle zusammensetzen und sehen, was dabei rauskommt.

MKZWO: Vielen Dank für dieses Interview und alles Gute euch.

Details Ausgabe
Art: Interview

Autor: Paul Schlagk und Michael Plate

Heftcover MKZWO 62
11.2005


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