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Milz - "Vergeltungsrap" 
Hansestadt Rostock, vielen ein Begriff für Neonazis, Arbeitslosigkeit und Tristesse. Reflexartig schießt der Name des Stadtteils Lichtenhagen einem durch den Kopf, gefolgt von Bildern eines brennenden Asylbewerberheims. Seit diesen unvergesslichen, schockierenden und deprimierenden Erlebnissen liegt die Stadt an der Ostsee eher im Abseits der medialen Aufmerksamkeit. Der G8-Gipfel war eher die Ausnahme.

Dabei bietet Rostock eine sehr aktive und abwechslungsreiche HipHop-Szene, die dem Strand von Warnemünde und dem Kampf um den Klassenerhalt von Hansa Rostock durchaus die Stirn bieten kann, wenn es um Wetterlage oder Nachwuchstalente geht. Nach der Underdog Crew und Marteria scheint nun der Rapper Milz die größte Stadt Mecklenburg-Vorpommerns zurück ins Gedächtnis der Rapnation zu rufen. Im Unterschied zu seinen Vorgängern gibt sich Milz als authentischer und kompromissloser Typ von der Straße, der sein Bier lieber am Kiosk, als in der Bar trinkt. Sein Erstlingswerk „Vergeltungsrap - ...der Sound vom Kiosk“ erschien bereits 2007 in Eigenproduktion und kommt mit vierzehn Tracks inklusive eines Videos als Bonusmaterial daher. Vom Leben gezeichnet erscheint Milz in seinen Raps als ambivalente Persönlichkeit. Weicher Kern und harte Schale, kläffender Straßenköter und melancholischer Alltagsreporter. Zwischen all dem Gefronte und dem Vergeltungsrap verbirgt sich auch eine einfühlsame und tief blickende Persönlichkeit, die vor allem eins ist: authentisch. Zwar könnte man „Vergeltungsrap“ als typisches Rapalbum abtun, das eben neben dem typischen Representrack („Rostock, Rawstock“), einer Kampfansage („Vergeltungsrap“) und einem Crewtrack („Ballt die Faust, trinkt es aus“) auch einen Ghettoromantiktrack („Freier Fall“) und einen philosophischen Track („Der Junge von Drüben“) beinhaltet. Wobei Milz nicht mit Alltagsweisheiten belehrt, sondern seine Erlebnisse verarbeitet, die fast jeder in den neuen Bundesländern (mit-)erlebt hat. Wer dieses Konzept-Klischee auf Milz überträgt, vergisst jedoch, dass er bis auf wenige Ausnahmen sein Werk allein gestemmt hat. Außerdem ist dieses Konzept für das erste Rapalbum ein Muss, da Representen und Dissen nun mal essentiell und systemimmament sind, wie die Frage der Herkunft und der Lebensumstände. Des Weiteren überrascht Milz mit seinen Fähigkeiten. Sein Rap zeichnet sich durch einen vielseitigen Flow und einer rauen Stimme mit hohem Wiedererkennungswert aus. Von kleinen Ausrutschern abgesehen („Ich mach Stimmung wie die SA“) stimmen die Metaphern und die ehrlichen und einfachen Ambitionen („Ich leb’ nicht für den Schein“, „Ich brauch’ weder Knarren noch Koks und werde trotzdem zum Star“). Seine Musikproduktionen bestimmen brachiale und düstere Beats, gepaart mit monumentalen und wuchtigen Samples. Dunkle Streichermotive und infernalische Bläser dominieren den Sound, der bis auf „Hol mich“ gut abgemischt und harmonisch arrangiert ist. Auch die Scratcheinspielungen stammen von Milz. Verstärkung holt der Vergeltungsrapper sich aus Rostock und Berlin. Drei Mal spannt Milz seinen Partner Tristan aus Rostock ein („Es wird Schacht geben“, „Rostock, Rawstock“, „Gosse oder G“) und bei „3 Mann ein Wort“ lässt er sich von Marteria und Sha-Karl unterstützen. Das Video zu „Rostock, Rawstock“ produzierte Akte One und DJ Versatile. Mir gefallen am besten „Vergeltungsrap“ und „Rostock, Rawstock“. In beiden Tracks erlebt man beim Hören den typisch rauen Charme der Hansestadt. Wer wissen will, wie ein Wendekind in Rostock aufgewachsen ist, der muss unbedingt „Der Junge von Drüben“ sich anhören. Im Großen und Ganzen ein gelungenes Erstalbum mit viel Wut, Herzblut und Authentizität. Keine platten Gangsterattitüden, sondern ehrlicher Rap vom Kiosk ohne BlingBling, Champagner oder Fuffies Im Club. Selbst im Booklet taucht nicht eine einzige Goldkette auf, sondern eher ein halb leeres Letschoglas. Wenn das Lokalkolorit in der Aussprache noch weiter in den Hintergrund rückt, versinkt Milz bestimmt nicht so schnell in der Bedeutungslosigkeit außerhalb seiner Hansestadt.

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www.myspace.com/milz381


Details Ausgabe
Label: Rawstock Records
Art: Album
Musikrichtung: Hip Hop

Autor: Friedrich Rößler
MKZWO 88
Heftcover MKZWO 88
01.2008


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