Kaisaschnitt – eines der letzten Mysterien in einem immer mehr von durchgestylten, streng kalkulierten Images kontrollierten Rap-Markt. In der Vergangenheit trug er sich mit Alben, die finstere Titel wie “Stacheldrahtmörder” oder “Zuchtmeister” hatten, sowie einer vorsichtig ausgedrückt recht ungewöhnlichen DVD den Ruf eines absolut kompromisslosen Untergrund-Rappers ein.
Dabei war er so etwas wie der Komparativ zu Taktlo$$: Noch unnahbarer, noch geheimnisvoller und eine noch höhere Disses-pro-Zeilen-Frequenz. Auf Fotos sieht man ihn meist mit einer Sonnenbrille, seine Mitstreiter nicht selten komplett maskiert. Textlich fuhr Kaisaschnitt stets eine krude Mischung aus scheinbar wahllos in alle erdenklichen Richtungen abgefeuerten Disses und zu Rap-Versen gewordenen Plots von Horrorfilmen, was nicht unwesentlich zu seinem Kultcharakter beitrug. Nun schreiben wir aber das Jahr 2006, Kaisaschnitt ist – früher undenkbar – bei einem Label untergekommen und zwar bei Streetlife Entertainment, das unter anderem von DJ Desue und Spezializt Dean Dawson geführt wird. Und schon der wenig blutrünstige Titel „Traumfabrik“ seines neuen Albums deutet es an: Kaisaschnitt hat sich weiterentwickelt. Waren seine Texte eigentlich immer schon nur ein Spiegel, in dem die ach so normalen Bürger die unter der sichtbaren Oberfläche schlummernden, hässlichen, perversen Aspekte ihres Charakters erblickten, ist er bei diesem Album noch einen Schritt weiter gegangen, was Deutlichkeit und Zielrichtung der getroffenen Aussagen angeht. Ein Track wie „Kinder an die Macht“ etwa ist eine eindringlich verpackte Anklage gegen eine kinderfeindliche Gesellschaft, in deren Mitte Eltern ihre Schutzbefohlenen einfach in einem schäbigen Hinterzimmer vergammeln lassen. Gerade der düstere Sound, für den Kaisa immer noch steht, sorgt dafür, dass aus dem Stück kein Wischi-waschi-wir-sind-ja-so-betroffen-Liedchen wird. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätten sich ein paar poppige Prominente auf dem Besorgten-Trip des Themas angenommen. Auf namentliche Disses wird dieses Mal gänzlich verzichtet, was der eine oder andere bedauern mag, dem Album aber sicher nicht schadet. Außerdem hat Kaisaschnitt in dieser Richtung ja in der Vergangenheit auch schon Beachtliches geleistet. Ansonsten hat sich gar nicht so viel verändert, die Falschheit der (HipHop-)Welt wird mehrfach beklagt: „Gangster, Gangster, dein Image ist so schlecht – bei uns ist alles echt!“ Auch sonst widmen sich Kaisa und seine Hassmonstas bevorzugt der dunklen Seite, ihre Inspiration beziehen sie aus dem ganz alltäglichen Horror, den das Fernsehen so gerne zeigt: Krieg, Terror, Armut, Verelendung, Gewalt gegen Schwache, Lügen und menschliche Schwächen im Allgemeinen und Besonderen. Die Axt bleibt zwar zuhause, aber wenn es sein muss, wird immer noch deftig ausgeteilt, vergleiche „Nazitot 3“. Es ist abzusehen, dass einige alte Kaisaschnitt-Fans die erwähnten Neuerungen nicht mittragen werden, aber dafür erschließt ihm seine differenziertere Herangehensweise vielleicht auch ein paar neue Hörer in höheren Altersklassen. Wie sagt er selbst? „Der Untergrund zieht sich hoch!“ Sonst tut’s ja keiner.
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